A sexually provocative short story – Ambika Thompson

Eine Frage: Haben Sie diesen Artikel wegen des interessanten Titels angeklickt? Ich verstehe das.

Noch eine Frage: Interessieren Sie sich für Kurzgeschichten? Ich eher weniger. Wohl eine unbeabsichtigte Folge langweiliger und konfuser erzwungener Beschäftigung mit Kurzgeschichten damals im Deutschunterricht.

Ich mag keine Geschichten, in denen Katzen im Regen angeblich irgendwelche Eheprobleme repräsentieren. Ich mag keine Allegorien und Symbole. Ich mag seit dem auch keine Kurzgeschichten mehr.

Aber diese Geschichte von Ambika Thompson, eine der tatsächlich vielen in Berlin lebenden englischsprachigen AutorInnen,  über das hässliche flachbrüstige Mädchen und den attraktiven Jungen mit den gigantischen Eiern hat mich überraschend überrascht, überraschend verwirrt und überraschend fasziniert. Und lachen konnte ich auch noch.

„The ugly girl with the flat chest and the attractive boy with the gigantic testicles kissed for the first time on the quiet street in the late hours of a fall moonlit night“.

CoverAnotherCountry

Obwohl – eigentlich kam es da gar nicht zu dem Kuss. Noch nicht. Wozu es aber kam, war ein Wechsel in der Erzählperspektive. Die Erzählerin meldet sich zu Wort und wendet sich auch direkt an Sie:

„I never saw him much. I never knew his name. I heard he was a milkman, and depending on your perspective, or sense of humour, that’s either totally fitting or totally disturbing. But, the important thing is that from that moment on, it would be my mission to one day write a story about him and his giant testicles.“

Dem Milchmann wird übrigens der Name Lance verpasst. Irgendwann küssen sich dann Lance und Sue endlich. Doch wieder ändert sich die Perspektive:

„At this point in the story she could go home with him and realize that his giant testicles don’t freak her out cause she‘s never actually seen testicles in real life before anyways and since it’s her first time she doesn’t touch his testicles or his penis anyways, and they both get off, and they live happily ever after. Or what actually happens is that Sue does go back to his place, but they have an extremely awkward first-time sexual experience. He gets off, but she doesn’t, and he doesn’t contact her after and Sue doesn’t see him around.

Das eine Ende klänge wie ein Märchen, das andere wie ein schlechtes Dramolett. Eine andere Herangehensweise ist also nötig.

Let’s try something else: The attractive large-breasted woman and the ugly man with small testicles kissed for the first time on the quiet street in the late hours of a fall moonlit night.”

Aber auch das funktioniert nicht. Denn:

„Because when I was a teenager I lived in a shit-hole of a small town in Alberta where people were basically cookie cutout clichés with nothing but mainstream maniacally stereotypical redneck ideologies, I know that this story would probably never fly.”

Der hässliche Kerl bekommt übrigens den Namen Lenny.

Wenn dieser Ansatz auch nicht funktioniert, dann ist es Zeit für einen neuen Versuch:

„Let’s step out of our hetero-normative storytelling for a moment and talk about a couple of women: The attractive woman with the flat chest and the attractive woman with penises for toes kissed for the first time on the quiet street in the late hours of a fall moonlit night.“

Leider geht das jedoch auch nicht gut. Bevor sich die Lippen der beiden treffen, erigieren die Penisse, die die eine als Zehen hat, und sie fällt der Länge nach hin. Dennoch werden die beiden ein Paar, auch wenn sie ab jetzt Socken beim Sex tragen.

„Sometime later the ugly woman with the flat chest, Sue, who in fact wasn’t actually ugly at all, but did have a flat chest, met the two attractive women who are now lovers at this point of the story, whom we will call Lola and Layla“.

Noch nicht verworren genug? Keine Angst!

“It is maybe worth pointing out now that Sue is indeed a boy named Sue and this is why Lance the milkman didn’t call again, even though he knew this before they kissed.”

So weit so gut. Das ist schon großartig und selbstsicher geschrieben.

Wir kennen nun also Sue, die also plötzlich ein Junge ist, Lance, den Milchmann, Lenny, der vielleicht Chrystal Meth-Dealer ist, und nun auch Lola und Layla.

Doch wer ist denn hier eigentlich die Erzählerin? Das ist noch immer nicht klar, auch nicht der Erzählerin:

„Is the narrator also a meth user? Am I a meth user? Am I the narrator?“

Aber weiter: Nun trifft Sue auch nochmal Lance. Eigentlich würden beide gerne wieder anbandeln. Doch daraus wird mal wieder nichts. Schuld ist die Erzählerin, ganz klar. Und das gefällt Sue nicht. Sie reagiert und reißt die Geschichte an sich.

„This is the point in the story where Sue decided to take over. She wasn’t entirely happy with how I portrayed her, as being ugly, but not really. And frankly, she resented me slightly for not letting her go home with Lance the milkman again and for the Johnny Cash reference, and said that she preferred to be called Florence.”

Sue ist nun also Florence. Und übernimmt ab jetzt die Geschichte. Da kann die Erzählerin nichts daran ändern.

„As Sue’s character, and not meaning her character in the story, but her personality, is stronger than my own, I actually couldn’t retain control. After many written and deleted pages, I conceded and let her take over. She threatened my family. What else could I do?”

Sue, also Florence, ist ab jetzt die Ich-Erzählerin und zieht mit Lola und Layla zusammen. Lola und Layla trennen sich dann aber. Und Sue, oder Florence, keine Ahnung, ob das jetzt noch gilt, muss sich von Layla nun andauernd das Gerede über Lola anhören. Dabei geht es auch um einen Traum, in dem Lola und Layla einen baumgesäumten Pfad langlaufen. Die Blätter der Bäume waren aber keine Blätter sondern Vaginen. Warum auch nicht. Die vaginalen Blätter werden später in der Geschichte noch eine Rolle spielen.

Dann ein Streit zwischen Sue, also Florence, und der ersten Erzählerin um den Fortgang der Erzählung.  Auch andere Wendungen geschehen noch. Aber lesen Sie selbst!

Was ich aber noch sagen möchte: jetzt, beim Schreiben dieses Artikels, wird mir plötzlich klar, worum es eigentlich geht in Ambika Thompsons großartiger Geschichte. Ich glaube, ich weiß jetzt auch warum ich sie so großartig finde.

Es geht um den Prozess des Schreibens

Es geht um die Irrungen und Wirrungen, denen man beim Schreiben ausgesetzt ist und wie man sie kreativ nutzen kann. Zumindest wenn man ein Strukturschaffer ist und kein Strukturfolger. Es geht um den Mut zur künstlerischen Freiheit, um das Verlassen erzählerischer Normen, um die Lust am Fabulieren. Jedenfalls sehe ich das im Moment so. Und das ist doch wirklich spannender als Geschichten über Katzen im Regen. Meinen Sie nicht?

A sexually provocative short story by Ambika Thompson
In: Tales from Another Country
Herausgegeben von Victoria Gosling
2014, The Reader Berlin

PS: Erstmals erschienen ist die Geschichte auf dem empfehlenswerten Literaturblog Leopardskin and Limes mit mehr abgefahrenen Geschichten von mehr abgefahrenen internationalen Autorinnen, die sich in der blühenden Berliner Literaturszene tummeln.