Adorno und seine Frankfurter Verleger. Der Briefwechsel zwischen Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld

Lieber sehr verehrter Herr Professor Adorno,

gerade habe ich Ihren Briefwechsel mit Ihren Frankfurter Verlegern Suhrkamp und dann Unseld gelesen. Wären Sie nicht schon tot, hätte ich Ihnen fast diesen Brief geschrieben:

„Adorno, Adorno, Adorno!
Sie waren vor den 68ern, für die 68er, nach den 68ern einer der wirkungsmächtigsten Soziologen Deutschlands. Ihre Minima Moralia – Reflexionen aus dem beschädigten Leben war auch in der wirtschaftswundertrunkenen BRD ein Bestseller.

Wer kennt nicht Ihr apodiktisches Fanal ‚Es gibt kein richtiges Leben im falschen‘ – was immer das auch genau bedeuten mag. Gut klingen tat und tut es. Deshalb wurde es ja auch ein geflügeltes Wort, das mit Ihrem Werk nichts mehr zu tun hat.

Doch genug der Vorrede. In Ihrem ersten Brief an Peter Suhrkamp vom Februar 1950 thematisieren Sie das Problem, wie Sie Ihr Autorenhonorar aus dem Verkauf Ihrer Werke in der Ostzone bekommen können. Der Transfer von Ostmark in den kapitalistischen Westen war ja damals schwierig. Doch es gab wohl die Möglichkeit, im Osten Waren zu kaufen und in den Westen zu bringen. Bücher zum Beispiel.

Doch was wollten Sie lieber: Einen Pelzmantel für Ihre Frau!

Aus heutiger Sicht geht das natürlich gar nicht. Pelze sind zwar schön warm, aber böse. Damals war das noch anders. Daher wäre es nicht richtig, Sie dafür zu verurteilen, dass auch Sie, oder Ihre Frau, materialistischen Statussymbolen verfallen waren. Fast macht es Sie sympathisch, dass Sie sich etwas für Ihre Frau wünschten, auch wenn damals natürlich der Pelz der Frau, mehr als heute, auf das Einkommen und den Status des Ehemannes schließen ließ.

Was aus meiner Sicht aber ein negatives Bild auf Sie wirft, ist wie Sie Ihre Frau, der der Pelz ja passen soll, beschreiben:

„Sie ist von guter Mittelgröße, äußerst schlank und brünett“.

Ihre Frau hatte doch einen Namen: Gretel. Den kannte bestimmt auch Ihr deutscher Verleger. Sie hätten ihn hier ruhig nennen können, statt Ihre Frau zu anonymisieren.

Und was ist ‚gute Mittelgröße‘?

Ich weiß, Ehemänner haben oft Probleme, die Kleidergröße Ihrer Frau zu erinnern. Selbst die eigene Hemd- oder Hosengröße kann ich mir nicht merken. Gut nur, dass es nur um einen Pelzmantel und nicht um einen BH ging. Da ist die Größenfrage und die seltsame Systematik der wohl irgendwie doppelten Größenangabe ja ein noch größeres Problem. Aber von einem Mann Ihres Ranges hätte ich da schon mehr erwartet. Warum auch immer. Glückwunsch, dass Sie eine äußerst schlanke Frau hatten. Aber welche Rolle spielt das Brünette? Sie hatten auch keine Ahnung, welcher Pelz zu brünetten Frauen passt und überlassen diese essentielle Frage Ihrem armen Verleger. Geschickt.

Mir ist klar, das ist nur ein beiläufiger Satz über Ihre Frau aus einem Brief, in dem es um Ihr Geld geht. Dennoch wünsche ich mir, dass ich in einer ähnlichen Situation meine Frau besser beschreiben würde – als eine tatsächliche Person, die ich liebe und deren Geschmack ich vorgebe zu kennen.

Aus den Fußnoten entnehme ich, dass der Pelzdeal damals nicht zu Stande gekommen ist. Wäre ich Ihr Verleger gewesen, hätte ich Ihnen auch keinen besorgt. Man kann da eigentlich nur etwas Falsches kaufen. Vielleicht hätten Sie sich doch eher Bücher als Bezahlung wünschen sollen.“

Doch dann habe ich Skrupel bekommen. Kann man jemanden wie Sie auf so eine Banalität wie eine Pelzfrage reduzieren? Man könnte wohl. Aber das wäre zu einfach.

Leider habe ich mein Exemplar der Minima Moralia vor Jahren verschenkt. Daher konnte ich spontan nicht nachlesen, in welchem Kontext der Satz des richtigen Lebens im falschen eigentlich nochmal stand. Manchmal hilft es ja, sich den Zusammenhang klarzumachen. Ich glaube, es ging irgendwie um Möbel.

Was ist das Falsche am falschen Leben? Und was wäre denn das richtige Leben? Geht das überhaupt? Das würde mich wirklich noch immer interessieren.

Diese letzte Frage stelle ich mir nämlich täglich. Sie können mir da aber auch nicht wirklich weiterhelfen. Ich denke, der erste Schritt, ist sich diese Frage überhaupt zu stellen. Die Möglichkeit überhaupt in Betracht zu ziehen, dass es etwas Nicht-Richtiges an meinem, an Ihrem, an einem jeden Leben hier und heute geben könnte. Für dieses in-Betracht-ziehen muss ich wohl Sie, aber auch viele Ihrer Kollegen und eine Menge Literaten, verantwortlich machen. Und Ihnen und denen danken.

Für die Beantwortung der daraus resultierenden Fragen aber bin ich wohl selbst verantwortlich. Eigentlich zum Glück. Denn jeder macht sich seine Welt, wie sie ihm gefällt. Und von jemandem, der seiner mittelgroßen namenlosen brünetten Frau einen Pelzmantel bestellt, will ich mir elementare Dinge des Lebens auch nicht sagen lassen.

Dennoch verbleibe ich sehr hochachtungsvoll

Ihr RL

(c) Suhrkamp Verlag

„So müsste ich ein Engel und kein Autor sein“ Adorno und seine Frankfurter Verleger. Der Briefwechsel zwischen Peter Suhrkamp und Siegfried Unseld.

Suhrkamp Verlag 2003
Leinen, 650 Seiten
ISBN: 978-3-518-58375-3
19,95 €