Kategorie: literarisches

Keiner kann definieren, welche  Bücher auf jeden Fall “ja!” und welche ‘auf keinen Fall!, aber man kann es fühlen.

Über die Freiheit des Lebens

Sarah Bakewell: At the Existenzialist Café

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Einige der 40.000 Seiten oder so, die Sartre schrieb

Manchmal findet man genau das richtige Buch zur rechten Zeit. Dieses Buch über den Existenzialismus war es für mich. Wie man so ein richtiges Buch für die rechte Zeit findet, kann man Intuition nennen oder Vorahnung oder Bauchgefühl, vielleicht aber einfach auch nur Glück.

Es gibt ja Momente im Leben, die einen plötzlichen tiefen Bruch bedeuten. Einen Moment, in dem sich das gewohnte Leben von jetzt auf gleich grundsätzlich ändert. Ändert durch etwas, das passiert, ohne dass man Kontrolle darüber hat. Meist ist der Auslöser sehr negativer Art. Ein existenzieller Realitätseinbruch also.

Ein Moment, der aber trotz Wut, Schmerz, Hoffnungslosigkeit, Angst auch Freiheit bedeutet. Freiheit in dem Sinne, dass man ja nach wie vor frei ist, Entscheidungen über sein Leben zu treffen für deren Konsequenzen man einstehen muss. Das ist zwar etwas vor dem man eigentlich immer steht, jeden Tag, das ganze Leben – nur in solchen Zeiten existenzieller Wenden wird es einem bewusster. Zumindest wenn ein Buch wie dieses einen durch den Moment des Umbruchs begleitet und man wahrnimmt und versteht, dass sich plötzlich auch neue Perspektiven, neue Verstehenszugänge und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Man hat mehr freie Hand in seinem Leben als man denkt.
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Das Potential des Schemenhaften

Martin Heidegger: Was heißt Denken?

Es gibt Bücher, die versteht man nicht, aber dennoch  geht von ihnen etwas aus, das einen intellektuell und gefühlsmäßig anmacht. Martin Heidegers Auseinandersetzung mit dem, was und wie wir denken wenn wir denken, ist so ein Buch.

Wie kann man sich das vorstellen? Vielleicht als schaute ich durch ein beschlagenes Fenster. Ich sehe also nur undeutliche Umrisse in verwaschenen Farben dessen auf das ich blicke. Ich komme aber nicht nah genug an die Scheibe heran, um den Beschlag wegzuwischen. Trotzdem schaue ich weiter durch das Fenster. Manche Umrisse scheine ich zu erkennen, andere kann ich erahnen, und wieder andere regen meine Vorstellung an. Vielleicht ist es also bereichernder als wäre die Sicht klar. Klare Sicht kann auch enttäuschend sein und man wendet sich rasch ab. Um irgendetwas dringlicher scheinendes, wahrscheinlich aber doch unbefriedigenderes, zu tun. Nein, dann lieber mal das Unscharfe, Ungenaue aushalten und genießen, seine Gedanken treiben lassen und Freude an dem haben, was sich ergibt. Heideggers Frage „Was heißt denken?“ ist so ein Werk mit diesem Potential des Schemenhaften.

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Ein Solitär in der deutschen Gegenwartsliteratur – Peter Kurzeck

Eine  Erzählung ohne Schrift, frei erzählt.  Nicht viele Autoren können so Literatur produzieren. Peter Kurzeck konnte es und schuf so ein Werk, das seinesgleichen sucht. Romane in Schrift hat er auch veröffentlicht. Aber es ist wohl besonders sein freies Erzählen, das ihn einmalig machte.

Seine Stimme, der Fluß seiner Erzählung, der einen erst staunend, dann fasziniert, dann begeistert zuhören lässt, dieses Gefühl, er würde bei einem zuhause auf der Couch sitzen und locker doch präzise aus seinem Leben erzählen, das entfaltet einen Reiz, dem man sich nur schwer entziehen kann.

In diesem Ausschnitt seiner Erzählung “Unerwartet Marseille” erzählt er lakonisch über seinen Beginn als Schriftsteller.

Peter Kurzeck, Jörg Döring (Hg.)
Unerwartet Marseille, Peter Kurzeck erzählt

2012, Stroemfeld Verlag
ISBN: 978-3-86600-007-0
2 Audio-CDs, Regie: Jörg Döring
19,80€

Eine sexuell provozierende Kurzgeschichte

A sexually provocative short story – Ambika Thompson

Eine Frage: Haben Sie diesen Artikel wegen des interessanten Titels angeklickt? Ich verstehe das.

Noch eine Frage: Interessieren Sie sich für Kurzgeschichten? Ich eher weniger. Wohl eine unbeabsichtigte Folge langweiliger und konfuser erzwungener Beschäftigung mit Kurzgeschichten damals im Deutschunterricht.

Ich mag keine Geschichten, in denen Katzen im Regen angeblich irgendwelche Eheprobleme repräsentieren. Ich mag keine Allegorien und Symbole. Ich mag seit dem auch keine Kurzgeschichten mehr.

Aber diese Geschichte von Ambika Thompson, eine der tatsächlich vielen in Berlin lebenden englischsprachigen AutorInnen,  über das hässliche flachbrüstige Mädchen und den attraktiven Jungen mit den gigantischen Eiern hat mich überraschend überrascht, überraschend verwirrt und überraschend fasziniert. Und lachen konnte ich auch noch.

„The ugly girl with the flat chest and the attractive boy with the gigantic testicles kissed for the first time on the quiet street in the late hours of a fall moonlit night“.

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André Gide: Der Griesgram – Ein Hirnkampf

 

Linke Hirnhälfte                                           vs.                              Rechte Hirnhälfte
Wir müssen endlich mal diesen Artikel über ‚Der Griesgram‘ von André Gide schreiben! Da denken wir doch schon ewig drüber nach.
Ja, ich weiß. Aber so einfach ist das nicht.
Natürlich ist das einfach. Aber Du willst natürlich wieder etwas Besonderes daraus machen. Bleib doch mal einfach bei den Fakten und mach Dir nicht so einen Kopf.
Du bist gut. Einfach! Mach‘s doch selbst. Aber ohne mich kriegst Du das auch nicht hin.
Ok, ok. Ich würde ja als Einstieg einfach mal den Klappentext zitieren. Der beschreibt doch kurz und knackig worum es geht.
Das wäre aber doch sehr einfach, oder nicht? Und dürfen wir das überhaupt?
Mann, Du hast doch schon die Erlaubnis vom Matthes & Seitz Verlags bekommen, das Cover zu nutzen. Da kannst Du auch den Klappentext übernehmen. Haben die bestimmt nichts gegen. Also, auf geht’s, jetzt mal als Beginn:

„Ein Griesgram, der namenlose Protagonist dieses abgründigen ‚äußeren Monologs‘, stellt in wütenden Tiraden die abgeschmackte Belanglosigkeit dieser Welt bloß, der sich Frau und Kinder, der einzige Freund, überhaupt die ganze Menschheit längst ergeben haben. Doch seine Überheblichkeit befreit ihn nicht, vielmehr zwingt sie ihn immer wieder zurück ins enge gesellschaftliche Korsett.

Gides zynische Geschichte, in der sich sein Protagonist gehörig verrechnet, ist das verschrobene Protokoll einer griesgrämigen Implosion und einer tödlichen Explosion, fabelhaft in Szene gesetzt von Nanne Meyer.“

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Holzfällen. Eine Erregung von Thomas Bernhard

Wer ist dieser Typ, der beim künstlerischen Abendessen der Eheleute Auersberger im Ohrensessel sitzt und diesen Monolog mit sich selber führt?

Warum ist die Eingangsszene auf dem Wiener Graben so furios? Wie funktioniert dieser Sprachrhythmus, der die Szene so treibend macht?

Warum sitzt er stundenlang in diesem Ohrensessel, obwohl er alle Gäste des künstlerischen Abendessens verachtet und hasst?

Warum hat mein anderthalbjähriger Sohn kein anderes Buch so oft aus dem Bücherregal gezogen wie dieses?

(c) Suhrkamp Verlag

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David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

Worum geht es?

Aus dem Klappentext∗: „Eine siebentägige Luxuskreuzfahrt in der Karibik – David Foster Wallace scheint das große Los gezogen zu haben. Im Auftrag von Harper’s Magazine soll er mit der grandiosen ‚Zenith‘ von Key West aus in See stechen und alles aufschreiben, was er auf seiner Reise an Interessantem erlebt.“ Das tat er dann auch mit seiner Detailbesessenheit, seinem genauen Blick für Absurdes im Alltäglichen, seiner entlarvenden Charakterisierung von Mitreisenden und seinem Sezieren des Glücksversprechens der Reiseindustrie, kurz: in seiner brillanten Art und Weise. „Ein hinreißend komisches Buch“ schreibt der Verlag, „Ein grandioses Buch!“ sagt Harald Schmidt. „Ebenso klug wie brüllend komisch“, meint Der Standard. Ein berührendes Buch, denke ich.

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Literarische Sackgassen – ein Geständnis

Kennen Sie das? Sie nehmen sich ein Buch vor, meist ist es eine dicke Schwarte, sei es aus eigenem Interesse, auf Grund einer Empfehlung eines Buchblogs oder gar durch bildungsbürgerlichen Druck eines mehr oder wenig offiziellen Literaturkanons. Sie sind motiviert, neugierig, beflissen und beginnen zu lesen.

Doch bald schon müssen Sie sich eingestehen, dass mit jeder weiteren Seite, die Sie umblättern, die Lust am Weiterlesen schwindet. Ihnen wird klar, dass Sie dieses Werk niemals auslesen werden.  Sie stecken in einer literarischen Sackgasse fest.
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