Sarah Bakewell: At the Existenzialist Café

bakewell_existenzialisten_foto 1_kleiner

Einige der 40.000 Seiten oder so, die Sartre schrieb

Manchmal findet man genau das richtige Buch zur rechten Zeit. Dieses Buch über den Existenzialismus war es für mich. Wie man so ein richtiges Buch für die rechte Zeit findet, kann man Intuition nennen oder Vorahnung oder Bauchgefühl, vielleicht aber einfach auch nur Glück.

Es gibt ja Momente im Leben, die einen plötzlichen tiefen Bruch bedeuten. Einen Moment, in dem sich das gewohnte Leben von jetzt auf gleich grundsätzlich ändert. Ändert durch etwas, das passiert, ohne dass man Kontrolle darüber hat. Meist ist der Auslöser sehr negativer Art. Ein existenzieller Realitätseinbruch also.

Ein Moment, der aber trotz Wut, Schmerz, Hoffnungslosigkeit, Angst auch Freiheit bedeutet. Freiheit in dem Sinne, dass man ja nach wie vor frei ist, Entscheidungen über sein Leben zu treffen für deren Konsequenzen man einstehen muss. Das ist zwar etwas vor dem man eigentlich immer steht, jeden Tag, das ganze Leben – nur in solchen Zeiten existenzieller Wenden wird es einem bewusster. Zumindest wenn ein Buch wie dieses einen durch den Moment des Umbruchs begleitet und man wahrnimmt und versteht, dass sich plötzlich auch neue Perspektiven, neue Verstehenszugänge und neue Handlungsmöglichkeiten eröffnen. Man hat mehr freie Hand in seinem Leben als man denkt.

Dieses Buch erzählt die Geschichte des Existenzialismus, der Philosophie, die vor allem durch Jean-Paul Sartre, Albert Camus und Simone de Beauvoir berühmt wurde. Es erzählt aber auch die Vorgeschichte der prägenden Einflüsse auf diese Philosophie. Was gemeinhin unter Existenzialismus zusammengefasst wird, scheinbar ohne das jemand eine konkrete Definition dessen geben kann, was genau dieser Existenzialismus denn eigentlich genau ist, war ja vor allem eine französische Philosophie. Doch sie wäre nicht denkbar gewesen ohne deutsche Vorarbeit, vor allem durch Edmund Husserl und Martin Heidegger. Eine interessante französisch-deutsche Kollaboration also, die uns ein neues Denken über uns und die Welt in der wir leben ermöglicht hat.

Sein Sie noch nicht gelangweilt!

Das hört sich vielleicht für Sie nicht sofort nach einem spannenden Thema an über das Sie ein 488-seitiges Buch, und dann noch auf Englisch, lesen wollen. Langweilige Bücher werden Sie auf diesem Blog aber nicht finden. Glauben Sie mir. Dies ist ein sehr faszinierendes Buch, nicht nur wegen des essentiellen Themas unseres Daseins. Es ist auch einfach sehr, sehr gut geschrieben.

Sarah Bakewell ist keine Philosophin. Sie startete als Buchhändlerin und ist nun Professorin für Creative Writing an der Oxford University. Eine gute Ausgangsposition um lebendig, klar und nicht zu kompliziert über komplizierte Themen zu schreiben. Und sie hat einen cleveren Ansatz gewählt, mit dem sie den Leser angelt. Einmal am Haken will man nicht mehr so schnell von der Leine, der Wurm schmeckt zu gut. Man weiß ja, dass man am Ende wieder zurück ins Wasser, in sein Leben, geworfen wird. Sarah Bakewell hat glücklicherweise kein klassisches Theoriebuch geschrieben. Stattdessen hat sie eine Gruppenbiographie der wichtigsten Beteiligten geschrieben – nicht nur der berühmtesten, sondern der einflussreichsten.

Da steht man dann allein, allein und doch nicht allein.

Philosophische Theorien fallen nicht vom Himmel

Sie entwickeln sich aus den Lebensumständen, dem Mut und der Kreativität der Philosophen, aus politischen Situationen und aus Abgrenzungen oder Weiterentwicklungen des Vorangegangenen. Ein biographischer Ansatz ist da hilfreich für eine lebendige Gesamtdarstellung.

So erschuf Sarah Bakewell ein faszinierendes Panorama französischer und deutscher Geistesgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit all den Wirren, Kriegen, Toten, Ängsten und der trotz allem nicht versiegenden Hoffnung auf ein besseres, ein freieres, ein selbstbestimmteres Leben. Die Philosophie des Existenzialismus ist heute eher out, Postmoderne und Poststrukturalismus wurden sexier. Aber die Hoffnungen auf eine selbstbestimmte Existenz sind noch immer aktuell. Und damit auch einige der aufgezeigten möglichen Wege unsere eigenen Pfade durch die Wirrniss, die wir unser Leben nennen, zu schlagen. Man muss sich nur entscheiden.

PS:

Neue Horizonte:
Faszinierende bewußtseinserweiternde Themen durch dieses Buch, die man sich ruhig mal zu Gemüte führen könnte: Jean Piaget, kognitive Akzeleration, Dialogphilosophie, Existenzphilosophie, Gestaltpsychologie, Ontologie, Lebensphilosophie, Fundamentalontologie, Solipsismus, Phänomenologie. (Freunde nennen mich oft Nerd oder elitär. Vielleicht haben sie ja Recht. Aber vielleicht sind Sie das ja auch. Dann passt es ja.)

Sarah Bakewell: At the Existenzialist Café: Freedom, Being, and Apricot Cocktails with Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Albert Camus, Martin Heidegger, Maurice Merleau-Ponty, and Others

2016, Other Press, New York
488 Seiten
ISBN 978-1590514887
22,90€ für die gebundene Ausgabe