David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich

Worum geht es?

Aus dem Klappentext∗: „Eine siebentägige Luxuskreuzfahrt in der Karibik – David Foster Wallace scheint das große Los gezogen zu haben. Im Auftrag von Harper’s Magazine soll er mit der grandiosen ‚Zenith‘ von Key West aus in See stechen und alles aufschreiben, was er auf seiner Reise an Interessantem erlebt.“ Das tat er dann auch mit seiner Detailbesessenheit, seinem genauen Blick für Absurdes im Alltäglichen, seiner entlarvenden Charakterisierung von Mitreisenden und seinem Sezieren des Glücksversprechens der Reiseindustrie, kurz: in seiner brillanten Art und Weise. „Ein hinreißend komisches Buch“ schreibt der Verlag, „Ein grandioses Buch!“ sagt Harald Schmidt. „Ebenso klug wie brüllend komisch“, meint Der Standard. Ein berührendes Buch, denke ich.

Warum wiederlesen?

Zum ersten Mal las ich das Buch 2007 in einer runden Lehmhütte irgendwo im Südsudan. Irgendwie war es in meiner schweren Büchertasche gelandet. Ein witziges Buch über Kreuzfahrerei schien mir in diesem traurigen Land ohne Zugang zu irgendeiner Küste gute Einschlaflektüre zu sein. Und tatsächlich: das Buch riss mich kurzzeitig aus all dem Elend, das mich umgab und aus meiner wachsenden Verzweiflung. Ich erinnere mich, dass ich auf meiner Pritsche lag und öfters lauthals lachen musste. Das schaffen nicht viele Autoren. Vor allem nicht in so einem trostlosen Umfeld.

Wie war‘s?

Den Selbstmord von David Foster Wallace 2008 und das Wissen um seine Depressionen nun im Hinterkopf, lesen sich Teile des Buches anders als beim ersten Mal. Man meint plötzlich Vorahnungen herauszulesen. Was natürlich Quatsch ist. Aber vielleicht auch nicht.

Das Wort Verzweiflung

Ziemlich zu Beginn seines Reiseberichtes nimmt Wallace einen Zeitungsbericht über den Fall eines 16jährigen, der bei einer Kreuzfahrt Selbstmord beging, zum Ausgangspunkt einer schonungslosen Selbstbeschreibung. Wallace glaubt nicht, dass der angebliche Liebeskummer der einzige Grund für das Überbordspringen des Jungen war. Dann holt er aus:

„Ich persönlich aber glaube, dass noch etwas anderes im Spiel war, etwas, über das man in einer Nachrichtenstory nicht schreiben kann. Denn all diese Kreuzfahrten umgibt etwas unerträglich Trauriges. Und wie bei den meisten unerträglich traurigen Sachen ist die Ursache komplex und schwer zu fassen, auch wenn man die Wirkung sofort spürt. An Bord der ‚Nadir‘ überkam mich – vor allem nachts, wenn der beruhigende Spaß- und Lärmpegel seinen Tiefpunkt erreichte – regelrechte Verzweiflung. Zugegeben, das Wort Verzweiflung klingt mittlerweile ziemlich abgegriffen, doch es ist ein ernstes Wort und ich verwende es im Ernst. Für mich bedeutet Verzweiflung zum einen Todessehnsucht, aber verbunden mit dem vernichtenden Gefühl der eigenen Bedeutungslosigkeit, hinter der sich wiederum die Angst vor dem Sterben verbirgt. Elend ist vielleicht der bessere Ausdruck. Man möchte sterben, um der Wahrheit nicht ins Auge blicken zu müssen, der Wahrheit nämlich, dass man nichts weiter ist als klein, schwach und egoistisch – und dass man mit absoluter Sicherheit irgendwann sterben wird. In solchen Stunden möchte man am liebsten von Bord springen. Ich wage einmal die Voraussage, dass der Redakteur die letzten Sätze streichen wird. Aber egal, so viel zur Person muss sein.“

Da scheint also doch mehr als ein nur lustiger Reisebericht vorzuliegen. Das wollte mir beim ersten Lesen damals entgehen.

Die zweite Ebene

Bücher werden ja  dadurch interessant und gut, dass sie (mindestens) eine zweite Ebene haben, dass da mehr anklingt als aufs Papier gedruckt ist. Beim ersten Lesen wollte ich unterhalten und abgelenkt werden. Ich brauchte etwas zum Lachen. Dazu taugt das Buch allemal, denn komisch ist es. Es ist aber mehr, merke ich nun: es ist tragikomisch. Das Lachen bleibt diesmal ab und zu im Halse stecken. Respekt und Sorge kommen als neue Lesegefühle hinzu. Denn Foster Wallace lässt uns in sein Inneres blicken. Und da kann man sich durchaus selber erkennen.
Neben amüsanten Schilderungen etwa seiner Tischnachbarn, oder des unsichtbaren aber immer aufräumenden Zimmermädchens, oder seines kläglichen Versuchs Tontauben zu schießen, oder der tatsächlich möglichen Steigerung von Ultra-ultra-Ultramarineblau, oder auch die nicht-normal zu nennende weil dermaßen detailreiche Beschreibung seiner Kabine, neben diesen erwartbaren Aspekten einer Reisebeschreibung, kommt da von David Foster Wallace aber noch mehr: etwa die sehr interessante Dekonstruktion der Werbestrategie der Kreuzfahrtbranche. Da nimmt er sich zum Beispiel die Werbebroschüre der Reederei aber ganz genau vor. Da werden die Strategien um das Versprechen, Entspannung, Unterhaltung und Flucht vor dem Alltag zu bieten, fein seziert. Und man wendet sich ab mit Grauen.

Scheiß auf Buddha

Kreuzfahren macht glücklich. Dem ist natürlich nicht so. So naiv sind wir doch alle nicht mehr, dass wir solchen Heilsversprechen der Werbung leichthin Glauben schenken würden. Aber dennoch wünschen wir es doch so sehr!

„Jawohl, ich sage: Scheiß auf Buddha und seine Vier edlen Wahrheiten. Ich will verwöhnt werden, und ich nehme die Celebrity-Leute beim Wort: Wenigstens dieses eine Mal soll es der ultimative Traumurlaub werden, ein einziges Mal soll dem ganzen Luxus so was von nichts hinzuzufügen sein, dass sogar das ewig quengelnde Kind in mir zufrieden ist. Doch ist leider mein Inneres Kind unersättlich, denn sein einziger Daseinszweck besteht a priori in seiner Unersättlichkeit. Sobald ein bestimmtes Zufriedenheits-Level erreicht ist, wird die Latte gleich ein bisschen höher gelegt, und das Kind gibt keine Ruhe, bis auch dieses höhere Level erreicht ist – und sich prompt als schreckliche Enttäuschung entpuppt.“

Damit ist natürlich mehr gemeint, als nur diese Kreuzfahrerei. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich habe mit Sicherheit dieses innere Kind in mir, das immer haben-haben-haben brüllt; dafür brauche ich keine Traumschiff, das geht auch an Land. Das nichteinhaltbare Versprechen auf seligmachenden Konsum wird uns ja Tag für Tag von allen Seiten gemacht. Und wir glauben allzu gerne daran (sonst haben wir ja nichts mehr, an das wir glauben können), auch wenn wir wissen, dass es ein falsches Versprechen ist. Immer getrieben von der Suche nach Zufriedenheit, die doch nie zu kommen scheint. Oder nur ganz kurz, bis der nächste Wunsch sich seine einfache Bahn durch die Leere bricht.

Es ist furchtbar

Als wäre das nicht alles schon deprimierend genug, blättere ich zurück durch die mit Eselsohren markierten Seiten und finde dann noch diese Breitseite:

„Ich bin mittlerweile 33 Jahre alt, und es kommt mir vor, als wäre in meinem Leben bereits viel Zeit vergangen, und als vergehe sie sogar mit jedem weiteren Tag etwas schneller. Tagaus, tagein bin ich gehalten, alle möglichen Entscheidungen zu treffen über das, was wichtig und richtig ist und was mir womöglich sogar etwas (Spaß) bringt. Genauer gesagt, zuerst muss ich mich entscheiden – und mich dann damit abfinden, dass ich aufgrund meiner Entscheidung andere Optionen nicht ausüben konnte. Und während also die Zeit für mich immer schneller vergeht, wird mir allmählich klar, dass sich meine Wahlmöglichkeiten immer mehr reduzieren, während sich die ausgeschlagenen Optionen exponentiell vermehren, sodass der Moment absehbar ist, an dem ich auf dem prächtig verästelten Baum des Lebens an einen Zweig gelange, an dem es keine Alternative mehr gibt und ich von der Zeit auf dem einmal eingeschlagenen Weg weitergedrängt werde – in Richtung Stillstand, Atrophie und Verfall. Ich schleppe mich dahin, bis ich, wie die Bibel schon sagt, zum dritten Mal niedergehe und alles Kämpfen nichts mehr nutzt, ersoffen in der Zeit. Es ist furchtbar. Immerhin, sage ich mir als der erwachsene Mensch, der ich gerne sein will, es sind meine eigenen Entscheidungen, in denen ich festsitze wie in einem Gefängnis. Denn so sind die Spielregeln: Ich muss mich entscheiden – und später damit leben, dass ich meine Entscheidungen bereue.“

Das stimmt. Das ist erschreckend klar formuliert.

Verdikt

Eine launige Schilderung des Alltags auf einem Kreuzfahrtschiff und eine überhebliche Schilderung der spießigen Mitreisenden zu schreiben ist einfach. Darüber kann man dann auch herzhaft lachen. Diese ganzen einfältigen Massentouristen, da steht man doch drüber – hahaha. Wie David Foster Wallace es aber schafft, unangestrengt, intelligent und komisch (ich musste erstmal den Unterschied zwischen witzig, lustig und komisch googeln) dieses ganze Tourismusgebaren aufs Korn zu nehmen, gleichzeitig aber auch die Entzauberung eines Versprechens auf Glück und das schonungslose Verzweifeln an der Welt in diesen Reisebericht einzuschmuggeln, das hat schon was, das ist großes Können, das ist ehrlich, das berührt.

David Foster Wallace: Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich
Titel der Originalausgabe: A Supposedly Fun Thing I‘ll Never Do Again
Aus dem Amerikanischen von Marcus Ingendaay
1996/1997 (OV), 2015 Kiepenheuer & Witsch Verlag
ISBN 978-3-462-04820-9
7,99€

Die zitierten Klappentexte stammen aus einer älteren Ausgabe, die im Goldmann Verlag erschienen war. Die haben es nicht mehr im Programm. Das Buch wurde dann vom Mare Verlag weiter publiziert. Jetzt hat der Kiepenheuer & Witsch Verlag die Rechte. Was weiß ich, was die jetzt für Klappentexte haben.

1 Kommentar

  1. Oh, das scheint ein wirklich gutes Buch zu sein. Gern würde ich dem Autor raten “Lieber bereuen, etwas getan zu haben, als etwas nicht getan zu haben”, aber so denken wohl nur fanatische Optimisten.

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