Ist es ein Buch, ist ein Magazin? Nennen wir es ein Magabu oder Bugazin.  Print – Ein Plädoyer für Slow Media ist auf jeden Fall ein sehr ansprechend gemachtes Printprodukt.

Das Thema Slow Media, und verbunden damit das neue Trendthema Entschleunigung, passt vermeintlich in unsere Zeit. Wir  fühlen, dass durch die Omnipräsenz digitaler Medien zwar die Hoffnungen auf noch mehr Informationen immer und überall  und auf mehr Bequemlichkeit wahr geworden sind. Gleichzeitig aber entwickelt sich offenbar eine Gegenbewegung. Anscheinend spüren wir, dass das Versprechen digitaler Medien auch Nachteile mit sich bringt – Informationsüberfluss, Datenschutzsorgen, Überforderung, Aufmerksamkeitsspannenreduktion, Unbehagen, Nervosität.

Gut, dagegen kann man etwas tun, zum Beispiel Malbücher ausmalen. Ein erstaunlich boomender Markt. Die deutsche Bleistiftindustrie meldet einen derart gestiegenen Absatz an Farbstiften, dass Produktionskapazitäten ausgelastet sind und ausgebaut werden müssen, sogar Nacht- und Wochenendschichten sind nötig, um die Bilderbuchausmaler mit Stiften zu versorgen. So sorgt also die digitale Industrie dafür, dass eine der ältesten analogen Industrien einen wahren Aufschwung erlebt. Wer hätte das gedacht?

Wem Ausmalen zu doof/kindisch/anstrengend  ist, der kann noch etwas anderes tun, um sein Leben zu entschleunigen:  gedruckte Medien wiederentdecken. Gut also, dass es zu diesem Thema nun auch ein sehr schön und aufwändig produziertes gedrucktes Medium gibt. Wie aufwändig, erfährt man auf der letzten Seite:

„Die turi2 edition wurde gedruckt auf

König & Bauer 8-Farben-Maschine (Inhalt)

Und MAN 10-Farben-Maschine (Umschlag)

 

Papier Inhalt: Sappi Magno volume 135g/qm 1,08 vol.

Papier Umschlag: Sappi Allegro Design® Duo 300g/qm 1,25 vol.

Papier Visitenkarten: Sappo Magno Matt 250g/qm 0,9 vol.

 

Der Umschlag wurde außen mit OPP (oriented polypropylene) Mattfolie in 13mü Stärke kaschiert

Aufbindung zu 16-seitigen Falzlagen, fadengeheftet auf einer Aster Fadenheftmaschine

Das Einhängen der Buchblocks mit gefälztem Buchrücken erfolgte auf einem Kolbus Klebebinder, eingehängt wurden die Seiten als Klappenbroschur mit freihängendem Broschurrücken“

Produktionstechnisch ist Print also vom Feinsten. Gilt das auch für den Inhalt?

Die Eröffnung macht Miriam Meckel, die Chefredakteurin der Wirtschaftswoche und Autorin eines, übrigens auch als eBook erhältlichen, Beststellers über ihren Burnout. An ihrer Erkenntnis über die Bedeutung von Drucksachen könnte etwas dran sein. Wie sie in ihrem Beitrag schreibt:

„Vielleicht ist der entscheidende Unterschied zwischen dem digitalen „Livestream“ unseres Lebens und den raren Momenten des Rückzugs in ein in sich geschlossenes Medium: Es erlaubt noch die Langsamkeit, die im Zeitstrahl unseres digital beschleunigten Lebens verschwunden ist. Plötzlich tut sich eine Lücke auf, und die Welt macht kurz halt, um sich neu zu ordnen. Wir werfen einen Anker, und dann kann es weitergehen.“

Der Diplom-Psychologe Hans-Georg Häusel, bei dem nicht klar wird, was genau er denn nun ist – Hirnforscher oder doch nur Fachmann für Hirnforschung, auf alle Fälle scheint er ein Fachmann für Neuromarketing zu sein – erklärt in einem Interview, wie Printmedien unsere Sinne ansprechen und damit ihre Wirkung entfalten. Hier geht es um Belohnungssysteme und die verschiedenen Motivationen für die Nutzung digitaler (Zielmodus) und analoger (Flaneur-Modus) Medien.

Eine interessante Reportage beschreibt, wie die dpa versucht, sich im Digitalzeitalter neu aufzustellen, um nicht unterzugehen – „denn Nachrichten sind im Digitalzeitalter nichts wert“. Mit den Rettungsplänen von Junior-Verleger Sebastian Turner für den Berliner Tagesspiegel befasst sich ein weiterer Artikel mit den Herausforderungen des digitalen Zeitalters für Zeitungsverlage.

„Turner versucht den Tagesspiegel neu zu erfinden – und wenn es einer schafft, dann er“, heißt es zur Einführung. Denn er hat Ahnung, ist sparsamer Schwabe und achtet aufs Geld. „In der Tagesspiegel-Redaktion stöhnen alle, dass Turner immer neue Produkte erfindet und Projekte anleiert, ohne dafür ausreichend neue Stellen zu schaffen. Turner packt einfach mehr Last auf die bestehenden Schultern, hält so die Etats klein. Große Pläne, kleine Etats – schon in den 80ern hat Turner sein Erfolgsmodell gefunden: Content billig bis kostenlos einkaufen, aggregieren und teuer an die Anzeigenkunden und Abonnenten verkaufen.“ Außerdem „nennt er Verlage nicht mehr Verlage sondern Kommunikationsplattformhersteller“.  Das hört sich doch alles nach einem guten Plan an. Doch die Realität verweigert sich noch seinen Vorstellungen, der Tagesspiegel verliert weiterhin an Auflage und Anzeigeneinnahmen. „Gegen die Erosion gibt es keine Rezepte – wir werden die auch nicht finden, sagt Turner und klingt ein bisschen frustriert. Die Berliner gehen weniger zum Kiosk, schon weil kaum einer mehr raucht.“ Also: rauchen Sie mehr und kaufen Sie mehr Zeitungen! Alles andere ist alternativlos. Aber wenn es einer schafft, so der Tenor des Artikels, dann der sparsame Turner.

In „Die Viecher müssen richtig geil aussehen“ erfahren wir, dass Jessika Brenel früher Autowerbung machte. „Jetzt verführt die Bauer-Power-Frau zum Lesen und Kochen mit ‚Lecker‘, ‚Mutti‘ und mehr.“ Lecker ist „ein Heft, das nützt, statt zu nerven“, denn Brenel erschuf ein aufklappbares Heft, das auf die beim Kochen frei bleibende Fläche einer Normarbeitsfläche passt. Über die verschiedenen Zielgruppen von Kochzeitschriften erfährt man auch noch interessantes, und dass Hackfleischrezepte immer gut gehen.

Im obligatorischen Artikel über Ausmalbücher für Erwachsene kann man Springer-Chef Döpfner ausmalen und man wundert sich, dass es auch spezielle Malbücher für die Nischengruppe Männer gibt, die sich vielleicht weniger für Malbücher namens Zendoodle oder Secret Garden interessieren – etwa „Mal meine Möpse aus!“. Toll, da ist doch das nächste Geschenk zum Vatertag geritzt. Übrigens gibt es da auch etwas für den Muttertag, „Mal Deinen Traummann aus“ zum Beispiel. „Heiße Nummern – Die schärfsten Sexstellungen zum Selberzeichnen: Punkt für Punkt zum Höhepunkt“ könnten Ehepaare ja  gemeinsam ausmalen, um dann eventuell  zusammen die Stifte fallenzulassen.

In einem Porträt über den Verlagschef der ZEIT, Rainer Esser, lesen wir, was für ein entspannter Typ er ist, dass er lieber sechsmal nachfragt als einmal zu brüllen, dass die ZEIT ein mittelständisches Unternehmen ist, in dem alle die Ärmel hochkrempeln müssen, und dass die Beilagen zur ZEIT wie „Doctor“, „Geld“ und „Golfen“ (ich muss lachen beim Tippen, entschuldigen Sie), die Zeitung nicht nur dicker machen, sondern auch die Anzeigenkassen füllen. Ach was.

Im Artikel „Bücherglück – Warum Oliver Jahn, Chefredakteur der deutschen Ausgabe von AD Architectual Digest“ zwischen [sic] 15.000 Büchern lebt – und sich dabei wohlfühlt [sic]“ steht ein wahrer Satz: „Sie glauben gar nicht, für was man sich alles zu interessieren beginnt, wenn jemand ein wirklich schönes, kluges Buch darüber gemacht hat.“

Der Artikel „Print ist alles andere als Luxus“ der Verlagsexpertin Waltraut von Mengden ist mit einer Bildunterschrift gut zusammengefasst: „Wem das Geld, die Kultur und die Bildung für Print fehlen, um Print zu nutzen, der fällt vermutlich auch für die meisten Produkte der gehobenen Preiskategorie aus“. In ihrer Version einer blendenden Printzukunft geht es um Luxusprodukte. Dafür wird nämlich gedruckte Werbung gebraucht, denn „ein gedrucktes Medium fördert den Markenaufbau und signalisiert der Kundin Wertschätzung“. Was bedeutet das aus von Mengdens Sicht für Verlage? „Dies alles hat dazu geführt, dass die Verlage sich wieder auf ihre ureigene Stärke besinnen: großartige Magazine zu publizieren. Mutige Verleger und kreative Verlagsmanager geben ihren Visionen Raum, probieren Neues, sind mutig.“ Man könnte sich kreativeres und mutigeres vorstellen, als reine Werbeflächen für Luxusgüter zu verlegen, aber das ist wohl eine Sache der Perspektive.

Was gibt es noch außer positiven Berichten aus der Printbranche?  Eine schöne 38-seitige Fotoserie über Zeitungskioske und ihre Besitzer,  eine 14-seitige Fotoserie über das Design der Titelbilder von Spiegel, Bild, Stern über die Jahrzehnte und  natürlich die Visitenkarten in Sappo Magno Matt 250g/qm 0,9 vol. Eine tolle Idee, Visitenkarten aller porträtierten Medienmacher in das Ding einzubauen. So werden die alle nahbar. Sagen Sie mal bitte Bescheid, ob die auf Ihre Anfragen auch antworten.

Sollten Sie verängstigt in der Zeitungsbranche arbeiten, dann ist dies die richtige Publikation für Sie, denn sie wird Sie beruhigen. Haben Sie keine Angst. Die Zukunft liegt im Print. Für alle anderen: Geben Sie ruhig die 20€ für diese schöne Publikation aus. Sie zeigen damit, dass Sie auf der richtigen Seite stehen und dass Sie nicht mangels Geld, Kultur und Bildung ausfallen für Produkte der höheren Preisklasse. Ein schönes, repräsentatives Coffee Table Book kriegen Sie obendrein.

turi2 edition I – Print
Verlag turi2 GmbH
ISBN: 978-3838880365
200 Seiten
20€