Das Potential des Schemenhaften

Martin Heidegger: Was heißt Denken?

Es gibt Bücher, die versteht man nicht, aber dennoch  geht von ihnen etwas aus, das einen intellektuell und gefühlsmäßig anmacht. Martin Heidegers Auseinandersetzung mit dem, was und wie wir denken wenn wir denken, ist so ein Buch.

Wie kann man sich das vorstellen? Vielleicht als schaute ich durch ein beschlagenes Fenster. Ich sehe also nur undeutliche Umrisse in verwaschenen Farben dessen auf das ich blicke. Ich komme aber nicht nah genug an die Scheibe heran, um den Beschlag wegzuwischen. Trotzdem schaue ich weiter durch das Fenster. Manche Umrisse scheine ich zu erkennen, andere kann ich erahnen, und wieder andere regen meine Vorstellung an. Vielleicht ist es also bereichernder als wäre die Sicht klar. Klare Sicht kann auch enttäuschend sein und man wendet sich rasch ab. Um irgendetwas dringlicher scheinendes, wahrscheinlich aber doch unbefriedigenderes, zu tun. Nein, dann lieber mal das Unscharfe, Ungenaue aushalten und genießen, seine Gedanken treiben lassen und Freude an dem haben, was sich ergibt. Heideggers Frage „Was heißt denken?“ ist so ein Werk mit diesem Potential des Schemenhaften.

Schon auf der ersten Seite Sätze wie:

„In das, was Denken heißt, gelangen wir, wenn wir selber denken.“

„Der Mensch kann denken, sofern er die Möglichkeit dazu hat. Allein dieses Mögliche verbürgt uns noch nicht, dass wir es vermögen. Denn wir vermögen nur das, was wir mögen. Aber wir mögen wiederum wahrhaft nur Jenes, was seinerseits uns selber und zwar uns in unserem Wesen mag, indem es sich unserem Wesen als das zuspricht, was uns im Wesen hält. Halten heißt eigentlich hüten, auf dem Weideland weiden lassen. Was uns in unserem Wesen hält, hält uns jedoch nur so lange, als wir von uns her das Haltende be-halten.“

Was soll das denn?

Das war meine erste Reaktion. Jetzt, wo ich dieses letzte Zitat abtippe, scheint mir aber eine leise Ahnung aufzugehen, was es mit dem Denken, dem Mögen und unserem Wesen auf sich haben könnte. Mag und erhalte ich mir das, was mein Wesen ausmacht? Interessante essentielle Frage.

Es wäre wahrscheinlich leicht, sich darüber lustig zu machen, es als esoterischen Quatsch abzutun. Aber das würde nicht nur den Autor, der ja als einer der wichtigsten Philosophen des 20. Jahrhunderts gilt, herabsetzen. Man würde sich gleichfalls selber herabsetzen. Man würde sich klein machen. Klar kann man das so machen. Und das Buch wegwerfen. Daran wäre nichts schlimm. Aber vielleicht entginge einem etwas Phantasievolles.

Ich habe mich dann aber auf der zweiten Seite entschlossen trotzdem weiterzulesen. In dem Wissen, dass ich es nicht verstehen werde, zumindest nicht sofort. Das hat den Druck weggenommen und der Lust Platz gemacht – der Lust auf Heideggers ganz eigene, ganz andere Stimme, an seinen fremden und dennoch oder gerade deshalb faszinierenden Gedankengebilden. Ich habe mich entschlossen, das Buch als Literatur zu lesen, nicht als eine Philosophievorlesung. Mehr als drei der kleinen Seiten am Stück gehen dennoch nicht. Man muss seine Grenzen kennen und respektieren. Meistens fällt das ja eher schwer; in diesem Fall aber nicht. Die Lust auf die nächsten Seiten darf man sich nicht verderben, sonst hat man einen Kater wie nach zu viel Schnaps.

Seltsam aber interessant

Was aber heißt den nun Denken?

Was Heidegger meint, was es heißt, kann ich Ihnen leider nicht erklären. Aber das ist vielleicht auch gar nicht so wichtig. Auch wenn es mich dem Vorwurf des Banalen aussetzen mag – mir ist wichtiger was Denken für mich heißt: Offen für Neues zu sein, Neugierig zu sein, dann mir ein Netz neuer Verknüpfungen aufspannen zu lassen zwischen mir und meinen Gedanken und zwischen neuen Ideen, Historien, Sichtweisen und Textstimmen und daraus etwas Neues, etwas Meineigenes entstehen zu lassen. Denken ist dann eher verstanden als kreativer Prozess, gespeist aus einem Gedankennetzwerk. Manchmal überrasche ich mich damit selber und lerne mich so besser kennen. Dieser Prozess des Denkens scheint mir eigentlich oft wichtiger zu sein als das konkrete Denkergebnis.

Heidegger hat diesen Prozess für mich aus einer neuen und unerwarteten Richtung angestoßen. Das macht für mich ein gutes Buch aus. Dies ist demnach ein gutes Buch. Auch wenn ich es (noch) nicht ganz verstehe. Doch ich verstehe mich selber besser, ein kleines bisschen wenigstens. Das scheint mir wichtig.

Martin Heidegger: Was heißt denken?Martin Heidegger: Was heißt Denken? Vorlesung Wintersemester 1951/52
2015, Reclam Verlag
aus der Reihe “Was heißt das alles?

88 Seiten
ISBN 978-3-15-019283-2
5€

 

2 Kommentare

  1. Potential des Schemenhaften – das gefällt mir!

  2. So wie du das Buch beschrieben hast, hast du es wohl besser verstanden, als du dachtest 🙂
    Grüss mir den Panda 😉

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